#1

Tabuthema Fehlgeburt

in Ich bin einfach sehr traurig und möchte reden 21.01.2020 09:00
von Susanne • 4.573 Beiträge | 4591 Punkte

Tabuthema Fehlgeburt

Warum ist das so? Warum wird über dieses Schicksal, was jeden Tag weltweit so viele Frauen erleiden, nicht geredet? Warum schweigt man, obwohl man eigentlich am liebsten weinen und schreien möchte? Warum setzt man ein falsches Gesicht auf und täuscht eine heile Welt vor, obwohl sie gerade in Trümmern liegt?

Ist es die Angst vor der Offenbarung der eigenen Verletzlichkeit?
Ist es die Angst vor der "falschen" Reaktion des Gegenübers? Angst, dass dieser auch mal wieder nicht die richtigen Worte findet und eine für beide Seiten peinliche Situation entsteht?
Schämt man sich für die eigene „Unzulänglichkeit“? Fühlt man sich als Versagerin?
Möchte man kein falsches Mitleid?
Fühlt man sich schuldig?
Hat man Angst mit anderen Augen angesehen zu werden?
Möchte man nicht, dass die anderen von dem Kinderwunsch wissen, weil ein Blick unter die Bettdecke Druck von außen macht?

Ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr schreibt, welche Gründe es bei Euch waren, aus denen Ihr nicht über die Fehlgeburt offen mit mehr als dem Partner (und der Familie?) geredet habt.


zuletzt bearbeitet 04.08.2021 03:38 | nach oben springen

#2

RE: Tabuthema Fehlgeburt

in Ich bin einfach sehr traurig und möchte reden 21.01.2020 10:04
von Jenny • 350 Beiträge | 350 Punkte

Sehr gutes Thema Susanne.

Ich habe es nur der Familie und 3 engen Freundinnen erzählt. Denn sie sind die einzigen bei denen ich weiß, dass sie es nicht wie einen Skandal herumztratschen oder darüber abfällig reden.
Einen Tag war ich kurz davor, es einem befreundeten Paar zu erzählen, die gerade selber ein Baby bekommen hatten. Aber der Mann erzählte plötzlich von einer anderen Bekannten, die sich gerade vom Partner getrennt hatte (bzw er von ihr). "Die war ja auch schwanger und hat es verloren, da kann XXX froh sein"... Ich dachte mir bleibt die Luft weg. Solche Sprüche zu hören ist für mich schlimm. Ich habe schon zu meinem Freund gesagt, dass ich dem dann bald ordentlich die Leviten lese, wenn es bei uns "sicher" ist.
Es wird prinzipiell herumerzählt wie eine Bild-Schlagzeile, so mein Gefühl. Ganz furchtbar... Deshalb sage ich es auch nicht weiter. Zumindest vorerst. Danach mache ich nen Rundum-Schlag... Auch alle, die immerzu mit der Kinderfrage nerven und schlaue Tipps geben, wie es denn ENDLICH klappt, bekommen einen "Vortrag" von mir😠

zuletzt bearbeitet 21.01.2020 10:08 | nach oben springen

#3

RE: Tabuthema Fehlgeburt

in Ich bin einfach sehr traurig und möchte reden 21.01.2020 12:54
von Shiva • 15 Beiträge | 15 Punkte

Bei mir ist das ein sehr großes Thema und es spielen mehrere Faktoren eine Rolle.

Ich zeige nach außen hin immer meine starke Seite, vor allem im Job und bei Menschen die mir nicht Nahe stehen. Ich empfinde die Fehlgeburt als hätte ich versagt, als wäre mein Körper nicht stark genug gewesen mein Kind auszutragen. Ich Schäme mich und ich will nicht, dass mir jemand sein Mitleid bekundet der nur meine starke Seite kennt. Sogar die Worte von Menschen die mir Nahe stehen haben mich verletzt und mich dazu gebracht nicht mehr viel darüber mit den Menschen in meinem Umfeld zu reden. Um so schwerer für mich in meine Arbeit zurück zu kehren, ich war im Beschäftigungsverbot und alle wissen bescheid. Ich werde bald wieder arbeiten gehen und versuche mit aller Kraft dort kein Gefühl der Verletztheit und der Verzweiflung meines Verlustes zu zeigen. Das hört sich hart an, ist aber mein Schutz nicht noch mehr verletzt zu werden.

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#4

RE: Tabuthema Fehlgeburt

in Ich bin einfach sehr traurig und möchte reden 21.01.2020 14:40
von MarbelParbel • 810 Beiträge | 810 Punkte

Shiva, ich kenn das Gefühl! Ich habe tatsächlich die Stelle gewechselt, damit ich mit den KollegInnen nichts mehr zu tun hab, die Bescheid wussten. Und bei der neuen Arbeit wissen es gezwungenermaßen meine Vorgesetzten, weil ich während des Mutterschutzes zum Vorstellungsgespräch ging und die wissen wollten, warum ich freigestellt bin.
Mir geht es total gegen den Strich, dass man wie beschädigte Ware betrachtet wird, wenn man sowas erzählt. Das ist irgendwie genauso wie mit einer psychischen Erkrankung.
Neulich meinte eine Kollegin, jemand in ihrem Bekanntenkreis hätte ein Baby (relativ spät) verloren, weil sie sich immer so viel Stress gemacht hätte. Als wäre es ihre Schuld gewesen, dass ihr Baby gestorben ist. Als bräuchte man zusätzlich zu dieser Katastrophe auch noch Leute, die einen dafür verantwortlich machen wollen.

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#5

RE: Tabuthema Fehlgeburt

in Ich bin einfach sehr traurig und möchte reden 21.01.2020 18:05
von Susanne • 4.573 Beiträge | 4591 Punkte

Ja, diese stigmatisierung ist wirklich schrecklich und führt genau dazu, dass die Frauen nicht über dieses Schicksal sprechen und man sich dadurch alleine fühlt, weil jeder versucht es bestmöglich zu verbergen. Dabei haben wahnsinnig viele das gleiche Problem, und wenn man es öffentlich thematisieren würde, würde man merken, dass man nicht alleine ist und hätte so viele Gesprächspartner... Wie du schon sagst, Marbel, ähnlich mit einer psychischen Erkrankung oder anderem, was was man auch versucht geheim zu halten. Wenn es aber "normal", im Sinne von alltäglich, werden würde, dann würde man sich auch nicht so schwer tun darüber zu reden.


zuletzt bearbeitet 21.01.2020 18:05 | nach oben springen

#6

RE: Tabuthema Fehlgeburt

in Ich bin einfach sehr traurig und möchte reden 21.01.2020 19:09
von Ophelia Denöf • 198 Beiträge | 199 Punkte

Hallo Mädels,

mein Grund warum ich nicht darüber sprechen will ist mein Gewicht. Ich stand Jahrelang als Kind bei jeder Familienfeier im Spotlight weil viele Verwandte meiner Mutter Vorträge gehalten haben dass ich viel zu dick sei und das zu gesundheitlichen Problemen führt, blablabla. Ich weiß inzwischen, dass ich maximal moppelig war bzw bin und dass da viel übertrieben wurde aber die waren eben immer alle rank und schlank und ach so toll.
Mir graut es davor daran zu denken, dass sich diese Menschen dann das Maul darüber zerreißen dass ich mit meinem Gewicht ja auch gar nicht schwanger sein sollte/werden kann und dass das bestimmt die Ursache für die FG sein MUSS. Das hat mich schon immer verletzt und gerade beim Thema FG würde es das umso mehr.
Es reicht bereits dass ich mir darüber Gedanken mache.

Liebe Grüße

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#7

RE: Tabuthema Fehlgeburt

in Ich bin einfach sehr traurig und möchte reden 21.01.2020 19:45
von Shiva • 15 Beiträge | 15 Punkte

Liebe Marbel,

genau das meine ich! Wie Susanne auch sagt diese Stigmatisierung, dieses unterschwellige "Irgendwas wird sie schon falsch gemacht haben".Mir begegnet das recht häufig im Leben, dass ich mit bekomme, dass den Frauen die Schuld gegeben wird. Egal in welchen Lebensbereichen, leider oft auch von anderen Frauen. Obwohl wir doch zusammenhalten sollten. Ich kann dich gut verstehen, dass du deinen Job gewechselt hast. Mir geht es aktuell genau so. Ich will auch nicht zurück. Es ging mir im Job vorher schon nicht gut. Es stellte sich die Frage Job wechseln oder ein Kind. Naja daraus ist ja nichts geworden und nun muss ich wieder hin.Ich würde mir wünschen, dass eine Fehlgeburt kein Tabuthema mehr ist und offen darüber geredet wird. Das man mit uns werschätzender umgeht und uns nicht beschuldigt..

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#8

RE: Tabuthema Fehlgeburt

in Ich bin einfach sehr traurig und möchte reden 21.01.2020 20:06
von Umut • 2.604 Beiträge | 2606 Punkte

Bei mir war es definitiv das schlechte Gewissen, Das wissen ich hab versagt und was falsch gemacht. Ohne zu wissen was. Das mein Freund mich anpampte was ich denn mit dem Baby gemacht hätte, war nicht hilfreich.
Ich hab mich wie Dreck gefühlt, wäre am liebsten mit verblutet. Ich wollte kein tut mir Leid oder aufbauende Worte. Eigentlich nur ein Sack auf den man einschlagen könnte. Das war dann mein Freund. Hat ihn nachträglich geschockt.

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#9

RE: Tabuthema Fehlgeburt

in Ich bin einfach sehr traurig und möchte reden 21.01.2020 20:13
von MarbelParbel • 810 Beiträge | 810 Punkte

Das stimmt. Da kommt dann die Glaubwürdigkeits-Diskrepanz zwischen Männern und Frauen vielleicht zum Tragen. Problemlagen, die in erster Linie Frauen betreffen, werden gesamtgesellschaftlich ja eher gering geschätzt.

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#10

RE: Tabuthema Fehlgeburt

in Ich bin einfach sehr traurig und möchte reden 21.01.2020 20:37
von Marie (gelöscht)
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So hab ich das noch nicht gesehen, aber tatsächlich schwingt bei Kinderlosigkeit fast immer der Satz mit, dass die Frau was falsch gemacht hat und zu verbissen, zu gestresst oder ähnliches ist.Erschreckend eigentlich.
Ich habe es eher für mich behalten, um nicht ein willkomenes Tratschthema hinter vorgehaltener Hand zu werden und mitleidige Blicke nicht ertragen könnte.
Gleichzeitig hat eine Kollegin neulich einfach so mit mir geteilt, dass sie eine FG hatte (ohne meine Geschichte zu kennen) und ich fand es so toll wie sie das einfach unverkrampft erzählen konnte. Sie hat mittlerweile aber auch 2 Kinder, da würde es mir dann vielleicht auch etwas leichter fallen

zuletzt bearbeitet 21.01.2020 20:40 | nach oben springen

#11

RE: Tabuthema Fehlgeburt

in Ich bin einfach sehr traurig und möchte reden 22.01.2020 09:44
von Cinou81 • 357 Beiträge | 359 Punkte

Ich habe die beiden Fehlgeburten in der 8. SSW erst offen gegenüber der Familie kommuniziert, als ich wieder schwanger und über die kritischen 12 Wochen hinaus war . Vorher wusste nur mein Mann Bescheid. Ich wollte einerseits nicht, dass die Familie weiss, dass wir am Üben sind, um allfälligen Druck zu vermeiden. Andererseits fühlte ich mich völlig unfähig eine Schwangerschaft auszutragen, als Versagerin, ich war wütend auf mich selbst und die ganze Welt.

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#12

RE: Tabuthema Fehlgeburt

in Ich bin einfach sehr traurig und möchte reden 25.01.2020 19:14
von Katharina • 21 Beiträge | 21 Punkte

Da spielt wohl wirklich viel mit rein.
Den einen habe ich es nicht erzählt um nicht zugeben zu müssen, dass ich/mein Körper versagt hat, den anderen habe ich nichts erzählt, weil ich nicht wollte, dass jemand rumtratscht oder weiß, dass wir üben.

Aber ich habe auch festgestellt, dass diejenigen die es wussten absolut nicht damit umgehen können. Gerade meine Familie und enge Freunde wissen Bescheid, da wir über Weihnachten nicht gut drauf waren, da braucht es natürlich eine Erklärung für, also haben wir es erzählt. Die Leute dann Wochen danach nochmal persönlich zu sehen führt leider recht häufig zu unangenehmen Schweigen, weil sie nicht wissen ob sie fragen sollen, das ganze übergehen sollen oder so... und wenn ich dann von mir aus was sage wissen sie nicht wie sie reagieren sollen.
Aber wie soll man das auch, wenn man das nie durch gemacht hat?!

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#13

RE: Tabuthema Fehlgeburt

in Ich bin einfach sehr traurig und möchte reden 26.01.2020 07:38
von Nora • 461 Beiträge | 467 Punkte

Gegenüber meiner Familie und den allerengsten Freunden und Verwandten gehe ich offen mit dem Thema um. Da reden wir auch über komplett alles was mit der Situation zu tun hat und diese Gespräche helfen sehr. Bei manchen bin ich sehr vorsichtig und erzähl nur so wenig wie nötig bzw. überhaupt nichts.

Nach so etwas furchtbarem ist man sehr sensibel und auch wenn es der Gegenüber nicht so meint, wenn sich derjenige etwas falsch ausdrückt, dann kann das einen sehr verletzen. Nicht jeder hat genug Feingefühl die richtigen Worte in so einer Situation zu finden. Das ist der Grund, warum ich entscheide mit wem ich darüber reden möchte und mit wem nicht. Es gibt allerdings auch oft genug Fälle wo alles stets wie im Bilderbuch geklappt hat und das weiss man vorher nie so genau. Das ist mit Grund, warum ich es keinem Dritten erzähle, wenn ich mich mit so jemanden unterhalte fühlt man sich danach nur noch verunsicherter.

Manchen erzähle ich es auch nicht, weil diese eh nur am Tratschen sind und bei denen ihren Kaffeerunden will ich nicht das Thema sein. Ich muss ehrlich gestehen, dass zu solchen Leuten den Kontakt absolut meide, weil ich so ein Verhalten bescheuert finde.

Plattformen wie diese finde ich eigentlich super, weil man zeitlich flexibel sich mit Leute austauschen kann, denen es genauso geht und nachfühlen können, wie sowas ist.

Liebe Grüße, Nora

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#14

RE: Tabuthema Fehlgeburt

in Ich bin einfach sehr traurig und möchte reden 26.01.2020 09:40
von Umut • 2.604 Beiträge | 2606 Punkte

Das mit Bilderbuch schwanger und nie durch gemacht und nachvollziehen können verstehe ich. So ist das bei meine Mutter. Die hätte nie was, keine Beschwerden und nie gekotzt, letzten Geburten 2 bis 3 Stunden. Für sie war das Thema nach 2 Wochen durch. Da hat sie es abgewürgt. Passte wohl nicht in ihre Welt.

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#15

RE: Tabuthema Fehlgeburt

in Ich bin einfach sehr traurig und möchte reden 07.02.2020 19:47
von Anja • 82 Beiträge | 82 Punkte

Am Anfang wollte ich es auch nur im engen Kreis belassen. Ich dachte, wenn es wenige Wissen ist nicht für alle klar dass mein Mann und ich uns ein zweites Kind wünschen. Mittlerweile kommuniziere ich offener. Ich habe es meinem Team und meinem Chef gesagt, einer Nachbarin die fragte warum ich solange krank zu Hause gewesen sei. Ich habe es im Nachhinein Freunden geschrieben, die früher eng mit mir waren aber viele Kilometer entfernt wohnen. Mir geht es damit besser. Angestoßen wurde ich durch diese Seite hier. Ich dachte, wenn ich es auch für micch behalte und nur ganz wemnigen erzähle, dann ändert sich für viele frauen nicht das erste gefühl dass auch ich hatte beim erfahren dass das Herz unseres Kindes nicht mehr schlägt...wieso ich? das ist doch so selten? habe ich was falsch gemacht? Ich habe am Anfang auch viele doofe Reaktionen befürchtet, zum Teil habe ich mich auch nicht verstanden gefühlt und tue das auch bei eniges Personen heute noch nicht. Wenn mich demnächst bei einem Familienfest wieder jemand fragt wie es denn mit einem Geschwisterchen für unsere Tochter aussieht werde ich offen sagen dass wir das bereits probiert haben aber leider ein Sternenkind bekommen haben. ich habe einerseits Angst vor der evtl. unbeholfenen Reaktion und das mein gegenüber dann überfordert sein könnte, andererseits habe ich bei mir beobachtet, dass es mich traurig und auch wütend gemacht hat, dass in meiner Familie von denen die es bisher wissen keiner mehr ab einen gewissen Zeitpunkt mehr mich darauf angesprochen hatte. Seit Weihnachten exisitert das Thema nicht mehr. Und da mich das auch stört, werde ich bei Nachfragen offen reagieren...so mein Vorhaben.


zuletzt bearbeitet 07.02.2020 19:49 | nach oben springen


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