#1

Drei Fehlgeburten - kaum noch Hoffnung auf ein Kind

in Eure Geschichte 14.10.2020 22:57
von MelanieAndrea • 2 Beiträge | 2 Punkte

Mein Name ist Melanie. Ich bin Lehrerin an einem Gymnasium und wohne in Bern.
Seit ich denken kann, habe ich mir eine Familie mit Kindern gewünscht. Am liebsten mehrere, und Tiere, auf dem Land in einem grossen Haus.
Nun ja, es ist vieles anders gekommen. Hauptsächlich deswegen, weil ich einfach lange nicht den "richtigen" Partner für meinen Kinderwunsch gefunden hatte.
Im Februar 2015 wurde ich mit einem Mann, den ich noch nicht so lange kannte, mehr oder weniger ungeplant schwanger. Ehrlicherweise muss man sagen, dass ich mir natürlich schon ein Kind gewünscht habe. Sonst hätte ich besser aufgepasst.

Die Schwangerschaft verlief völlig unproblematisch. Ich wäre nicht mal auf die Idee gekommen, dass ich mir wegen irgend etwas hätte Sorgen machen können. Als meine Tochter Moira im November 2015 geboren wurde, war das der schönste Moment in meinem Leben. Ich war 37.

Wir haben beide so wahnsinnig Freude an ihr und lieben sie so sehr.
Für mich war immer klar, dass ich mindestens noch ein zweites Kind wollte. Für meinen Partner nicht unbedingt. Bei ihm ist es so, dass er sehr im Moment lebt. Er macht sich keine Vorstellungen und Pläne für die Zukunft. Es konnte sich ein weiteres Kind einfach nicht bildlich vorstellen. Er brachte für mich völlig nicht nachvollziehbare Argumente, wie dass er befürchtet, unsere Tochter weniger lieb zu haben, wenn eine Konkurrenz da wäre. Oder so.

Nun gut, jedenfalls musste ich viel Überzeugungsarbeit leisten und als er endlich dazu bereit war, ging ich schon scharf auf die 40 zu. Ich dachte trotzdem, das sei kein Problem. Bei unserer Tochter hatte es ja praktisch beim ersten Mal geklappt. Wir übten etwas länger als ein Jahr. Ich hatte mir ein Ava Armband gekauft und wir nutzten jeden Monat. Doch ich wurde nie schwanger. Dann machte ich mir langsam Sorgen.

Und wir meldeten uns in Bern in der Kinderwunsch Klinik am Lindenhof an. Von Frau Berger hatte ich von verschiedener Seite schon viel Gutes gehört.
Sie spülte meine Eileiter und stellte fest, dass diese wohl verschlossen gewesen waren.
Danach übten wir noch einige Monate. Aber ich war schon über 40 und machte mir langsam Sorgen. Dann hatten wir die 1. IVF Behandlung im September 2019.
Es entstanden vier 5-Tages Blastocysten, was Frau Berger ein tolles Ergebnis fand.

Mit einer wurde ich gleich schwanger. Und, naiv wie ich war, dachte ich, dass ich nun nie wieder eine Kinderwunschklinik von innen sehen würde. Wie sehr ich mich doch getäuscht hatte. In der 8. Woche stellte meine Gynäkologin fest, dass das Herzchen nicht mehr schlug.

Ich fiel aus allen Wolken und verstand die Welt nicht mehr. Die Ärztin sagte relativ nüchtern "in ihrem Alter ist die Fehlgeburtsrate 40%".

Ich war so unglaublich traurig und wollte nur so rasch wie möglich wieder einen Transfer machen. Ich dachte, dass ich diese Traurigkeit und Leere nur mit einer neuen Schwangerschaft und einem Baby überwinden kann.

Im Januar 2020 machten wir den zweiten Transfer und ich wurde wieder schwanger. Dieses Mal kündigte sich die Fehlgeburt mit leichten Blutungen an. Die hatte ich beim ersten Mal noch nicht gehabt. Wieder verlor ich das Baby in der 8. Woche. Nachdem vorher der Herzschlag festgestellt worden war, entwickelte sich das Baby nicht weiter und das Herz hörte auf zu schlagen.

Dieses Mal war ich nun wirklich verzweifelt. Und fing an, wie wild im Internet zu recherchieren. Da fand ich die Informationen, dass mit 40-41 nur jede fünfte Eizelle genetisch intakt ist.
Und mit 42 nur noch jede zehnte. Und dass für ca. 80% aller frühen Fehlgeburten, Fehler bei den Chromosomen verantwortlich sind. Im statistischen Durchschnitt wäre also höchstens eines meiner vier Embryonen gesund, und würde zu einer Lebendgeburt führen.

Ich fand auch heraus, dass man in den meisten Ländern (ausser Deutschland und der Schweiz) die Embryonen biopsieren und mit einer so genannten PGT-A testen kann.
Wir hatten ja noch zwei eingefrorene und ich wollte nun auf jeden Fall wissen, wie es um deren Chromosomen stand.

Die Präimplantations-Diagnostik ist in der Schweiz seit 2017 erlaubt. Nur hatte die Lindenhof Klinik dafür noch keine Zulassung. (Scheinbar ist dafür Verfahren notwendig).
Frau Berger sagte mir, ich könnte die konservierten Embryonen an eine andere Klinik bringen und unter deren Namen testen lassen.

Also transportierten wir die Embryonen zuerst nach Biel und dann ins Viollier Labor in Basel.
Beide wurden biopsiert und nach drei Wochen erhielten wir den Bescheid.

Einer wies mehrfache Chromosenfehler auf, der andere war unauffällig und wurde für den Transfer empfohlen. Allerdings sagte die Ärztin in Biel, es sei "nicht gerade der stärkste Embryo".

Doch es war meine letzte Chance aus diesem IVF Zyklus. Am 14. Juni hatte ich den Transfer. Und wie es das Pech wollte, wurde ich mit diesem Embryo nicht schwanger.

Nun stand ich wieder vor dem Nichts. Die Ärztin empfahl mir einen weiteren IVF Zyklus. Dieser hätte dann aber zusammen mit dem PGT-A Test um die 15'000 Franken gekostet.

In der Zwischenzeit hatte ich natürlich wieder recherchiert, was das Zeug hält. Ich muss dazu sagen, dass ich eine Cousine habe, die 2013 und 2016 einen Jungen und ein Mädchen auseiner Eizellenspende geboren hat. Sie war zuvor auch jahrelang erfolglos am Lindenhof. Ihr wurde dann IVF Spain in Alicante empfohlen.

Auf den Webseiten der ausländischen Kliniken werden sehr hohe Erfolgsraten mit Spendereizellen ausgewiesen. Sie behandeln erfolgreich Frauen, die noch viel älter sind als ich.

Ich war so alleine mit diesem ganzen Prozess. Kliniken vergleichen, Länder auswählen, mich durch einschlägige Foren kämpfen - und dazu noch Corona, so dass man nie wissen konnte, ob man überhaupt reisen konnte. Mein Partner hat mich dabei nicht wirklich unterstützt, er mochte sich nicht gross damit befassen. Aber für ihn ist es ja auch nicht so eine Herzensangelegenheit wie für mich. Allerdings sagte er, dass er nicht nach Spanien reisen will. Weil die Corona Fallzahlen dort sehr hoch waren.

Schliesslich habe ich mich aufgrund von Empfehlungen für Brünn in Tschechien entschieden. Ich wollte einen so genannten Tandem Zyklus machen. Ein IVF Versuch mit meinen eigenen Eizellen und gleichzeitig Spendereizellen befruchten lassen. Diese beiden Verfahren zusammen und PGT-A Tests für die Embryonen kostete weit weniger als ein einziger Versuch mit meinen eigenen Eizellen in der Schweiz.

Man muss dazu noch sagen, dass ich unter riesigem Zeitdruck stand. Erstens werde ich immer älter (und nach 42 geht es mit den Eizellen wirklich von Monat zu Monat bergab), der Abstand von meiner Tochter zu einem Geschwisterchen wird immer grösser - und wir hatten grosse Angst, dass im Herbst die Corona Fallzahlen wieder steigen würden, so dass wir nicht mehr reisen können. (Genau so ist es jetzt ja auch passiert. Man muss jeden Moment damit rechnen, dass die Grenzen wieder geschlossen werden).

Mein Partner reiste nach Tschechien, gab sein Sperma ab, unterschrieb die Dokumente und reiste am gleichen Tag wieder heim.

Ich begann die Stimulation mit meinen eigenen Eizellen, reiste etwas später alleine nach Tschechien und hatte die IVF Behandlung. Ich musste etwa eine Woche dort bleiben. Ich fühlte mich sehr einsam, die ganzen Hormone, die Unsicherheit, ich vermisste meine Tochter.

Dann die traurige Gewissheit. Der IVF Versuch mit meinen eigenen Eizellen hatte nicht geklappt. Es konnte nur eine einzige gewonnen werden, trotz hoher Hormondosen. Und diese liess sich dann nicht befruchten. Ich weinte bittere Tränen, da ich mich von der Vorstellung, ein zweites "wirklich eigenes" Kind zu haben, verabschieden musste.

Aber ein weiteres Mal rappelte ich mich auf, zwang mich nach vorne zu schauen und positiv zu denken. Ich sagte mir, Gene würden überbewertet und ich habe Kinder soo gerne, dass ich auch ein adoptiertes Kind lieben könnte wie mein eigenes.

Wegen der PGT-A Tests warteten wir einen Zyklus auf die Resultate. Es wurden drei Blastocysten mit den Spender-Eizellen als genetisch gesund getestet.

Am 28. August fuhr ich wieder nach Brünn, für den Transfer. Da ich beim dritten Transfer nicht schwanger geworden war, hatte ich nun sehr grosse Angst. Doch, tattaaa! Ich hatte Glück und durfte positiv testen. Nun wird alles gut, sagte ich mir. Ich freute mich so sehr über den errechneten Geburtstermin, der 16. Mai. Ein Frühlings-Kind, ein Mai Kätzchen. So eine schöne Zeit, um Geburtstag zu haben. Alle meine Vertrauten, besonders meine Cousine, versicherten mir: Du wirst sehen, diesmal ist es anders.

Ja, dieses Mal musste es anders sein. Es waren sich ja alle Ärzte einig gewesen, dass meine Fehlgeburten auf Chromosomen Fehler zurück zu führen waren. Ein gesund getestetes Embryo einer 26-jährigen Spenderin, damit konnte nichts mehr schief gehen.

Ich fühlte mich soooo sicher, hatte überhaupt keine Angst. In den Untersuchungen konnte man den Herzschlag sehen, das Embryo war auf den Tag genau richtig entwickelt.

Und plötzlich, Anfangs der 8. Schwangerschaftswoche, habe ich hellbraune Fleckchen in der Slipeinlage. Oh nein, was für ein Schock! Ich renne noch am gleichen Tag in den Insel Notfall für einen Ultraschall. Es ist (noch) alles gut. Das Herzchen schlägt. Die Ärztin sagt, dass jede 4. Frau, die ein gesundes Kind gebärt, während der Schwangerschaft Blutungen hatte. Leichte Blutungen müssen nicht unbedingt zu einer Fehlgeburt führen. Aber jede Fehlgeburt fängt mit Blutungen an.

Einige Tage später werden die Blutungen stärker. Im Ultraschall zeigt sich, dass das Herzchen etwas langsam schlägt. Mir wird Bettruhe und Magnesium verordnet. Ich gehe wieder nach Hause und lege mich ins Bett. Doch da spüre ich schon, wie es zwischen den Beinen feucht und feuchter wird. Auf der Toilette kommen ganze Klumpen von Blut. Und ich weiss: jetzt ist es zu Ende.

Die ersten beiden Fehlgeburten waren hart. Und trotzdem hatte ich immer noch Hoffnung. Ich sagte mir, gut es wird länger dauern, mehr kosten und Du musst Dich von der Vorstellung verabschieden, dass das Kind Dir ähnlich sehen wird. Aber Du wirst ein Kind haben - irgendwann. Wenn Du genug Geld ausgibst, genug Strapazen auf Dich nimmst und genug Geduld hast, irgendwann wirst Du Dein Baby in den Armen halten.

Jetzt glaube ich das nicht mehr. Ich habe alles getan - und mein Körper hat mich verraten. Wenn mein Körper keinen gesunden Embryo austragen kann, dann ist alles vorbei.
Es macht mich sooo unendlich traurig. Jegliche Energie ist aus meinem Körper gewichen, ich möchte nur noch schlafen, schlafen, schlafen. Mich vergraben und an nichts mehr denken müssen.

Meine Tochter wünscht sich so sehnlich ein Geschwisterchen. Sie spricht andauernd davon. Bis vor wenigen Tagen fand ich das süss und liess sie reden. Weil ich ja wusste, dass ich ihr eines Tages die frohe Botschaft überbringen werde. Jetzt halte ich es nicht mehr aus, wenn sie davon spricht. Ich habe ihr ziemlich hart gesagt, dass ich von diesem Thema nichts mehr hören will.

Sie hat am 6. November ihren 5. Geburtstag. Ich habe in meiner Agenda die Tage und Wochen gezählt. Am 6. November wäre ich Ssw 12 + 0 gewesen. Die frohe Nachricht wäre mein Geburtstagsgeschenk für meine Tochter gewesen.
Es tut so weh, dass es nicht so ist.


zuletzt bearbeitet 15.10.2020 12:12 | nach oben springen

#2

RE: Drei Fehlgeburten - kaum noch Hoffnung auf ein Kind

in Eure Geschichte 15.10.2020 07:23
von Susanne • 4.613 Beiträge | 4631 Punkte

Liebe Melanie, mein tiefstes Mitgefühl für Deine vielen Verluste, den langen, langen, strapaziösen, erfolglosen Weg und vielleicht dem Abschied von einem Wunschkind. Ich würde Dir so gerne sagen, es wird alles gut, aber hier fehlen auch mir Worte der Hoffnung, da Du ja wirklich alle Register gezogen hast. Auch finde ich Worte nicht tröstlich wie "Du hast ja schon ein Kind", da ich weiß, daß das zwar rational stimmt, aber emotional nicht die Tiefe des Wunsches mindert und der eine unbesetzte Platz im Herzen eine klaffende Wunde ist, die nur schwer und vielleicht nie heilt.
Daher fühl Dich einfach nur fest gedrückt. Susanne

P. S. fehlt noch ein Teil deiner Geschichte?


zuletzt bearbeitet 15.10.2020 09:55 | nach oben springen

#3

RE: Drei Fehlgeburten - kaum noch Hoffnung auf ein Kind

in Eure Geschichte 15.10.2020 11:49
von MelanieAndrea • 2 Beiträge | 2 Punkte

Liebe Susanne
Nein, ich weiss auch nicht, warum der letzte Satz dort noch steht. Hätte ich löschen wollen. Aber ich kann nicht mehr auf den Beitrag zugreiffen.
Wenn Du admin bist, kannst Du es vielleicht löschen?
Sonst wirkt die Geschichte so unfertig. Und für den Moment habe ich leider nichts hinzuzufügen.

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#4

RE: Drei Fehlgeburten - kaum noch Hoffnung auf ein Kind

in Eure Geschichte 15.10.2020 12:13
von Susanne • 4.613 Beiträge | 4631 Punkte

👍🏻

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#5

RE: Drei Fehlgeburten - kaum noch Hoffnung auf ein Kind

in Eure Geschichte 15.10.2020 12:44
von Sternenmami (gelöscht)
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Liebe Melanie,
willkommen im Club. Ich weiß, egal was man sagen würde, es tröstet nichts. Fühl Dich einfach herzlich umarmt. Mehr kann man nicht sagen oder tun. Vielleicht klappts dann, wenn wir unseren Herzenswunsch loslassen. Meist ist es ja im Leben so, wenn Du Dir was wünscht, geht es nicht in Erfüllung, erst wenn Du Dich von dem Wunsch verabschiedet hast kommt alles ganz anders und viel besser als gedacht. Momentan bewegen mich so viele Gedanken. Alles Liebe für Dich.
Sternenmami


zuletzt bearbeitet 15.10.2020 13:07 | nach oben springen


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