#1

Nach einer Fehlgeburt: Umgang mit Reaktionen von Freunden/Familie

in Eure Geschichte 08.09.2020 13:00
von Kristin • 5 Beiträge | 5 Punkte

Liebe Mitleserinnen,
ich hatte vor etwa zwei Wochen eine Fehlgeburt in der sechsten Woche. Ich lebe im Ausland und obwohl ich die Sprache gut spreche, ist es natürlich eine andere Erfahrung, in so einer Situation ins Krankenhaus zu fahren, akut Hilfe zu bekommen, zu wissen, wer nun die Ansprechpartnerin ist usw. Ich fühle mich sehr wohl hier im Ausland, aber es gibt z. B. nicht so ein gutes Netzwerk wie Sternenkinder, und de facto sind Fehlgeburten einfach "Privatsache" (das ist nicht meine Haltung, nur meine Wahrnehmung). Mein Mann war immer an meiner Seite, und auch per Telefon und vor Ort waren viele Freund/innen sehr lieb und einfühlsam. Trotzdem war das Gefühl da, allein mit der Fehlgeburt zu sein (auch rein körperlich).
Inzwischen geht es bergauf, aber natürlich überkommt mich auch manchmal noch eine Welle von Traurigkeit. Es ist relativ schwer zu begreifen, was eigentlich passiert ist, weil alles so schnell ging. Seitdem habe ich viel mit Freund/innen und meiner Familie gesprochen und überwiegend sind alle hilfsbereit bzw. hören einfach zu – man kann nun einmal leider in einer solchen Situation nichts Bestimmtes machen. Darüber zu sprechen hilft mir, dass das Erlebnis nicht mein "kleines schmutziges Geheimnis" ist, sondern ein Teil von mir, mit dem ich offen umgehe, aber eben auch erzählen möchte, dass ich es nicht so locker weggesteckt habe.
Bei all der Unterstützung hat nur eine sehr enge Freundin relativ hart und pragmatisch reagiert: So etwas passiere ja doch oft, da könne man jetzt traurig sein, aber nicht zu sehr und nicht zu lange, das Thema "Schwangerschaft" könne sie auch bei mir fast nicht mehr hören (Vorgeschichte war diese: Ich habe lange damit gehadert, ob ein Baby überhaupt für mich infrage kommt und mich letztlich dafür entschieden, aber natürlich habe ich auch darüber gesprochen), und es gehe immer nur um mich, und "allein" sei ja wohl beim Willen nicht gewesen.
In so einer Situation war meine erste Reaktion natürlich, dass ich "klein mit Hut" war, denn am Ende kam bei mir das Gefühl auf, dass ich vermeintlich nur eine melodramatische Drama-Queen bin, dass eine Fehlgeburt "eigentlich nicht so wild" ist und dass ich mich selbst nicht so wichtig nehmen sollte. Meine enge Freundin hat allerdings selbst keine Kinder und möchte auch keine.
Meine Frage ist jetzt: Wie geht man damit um? Niemand ist zu Einfühlsamkeit verpflichtet, und das ist mir völlig klar, aber ich möchte mich nicht für meine Trauer (die ich ja nun auch selbst nicht steuern kann, sie ist eben da, mal mehr, mal weniger) rechtfertigen und argumentieren, weshalb es mir nun wehtut. Es ist auch für mich völlig neu, ich war/bin damit ebenso überfordert, wie sicherlich viele Frauen – und ich muss sagen, dass ich diese Reaktion à la "Du bist ja hier nicht die Einzige" wirklich frauenfeindlich finde – denn macht die hohe Anzahl von Fehlgeburten die Sache irgendwie besser?
Vielleicht noch eines zum Abschluss: Ich schätze meine enge Freundin wirklich sehr, und daher ist meine Frage/mein Beitrag wirklich nicht darauf ausgerichtet, sie niederzumachen. Meine Frage gilt euren Erfahrungen, wie man mit härteren, nicht so hilfreichen und unsensiblen Reaktionen umgehen kann, sich dabei auf sich selbst konzentriert und vielleicht auch nachsichtig mit denen ist, denen einfach die eigene Erfahrung fehlt, um angemessen zu reagieren.
Ich danke euch sehr, viele liebe Grüße :-)


zuletzt bearbeitet 08.09.2020 13:01 | nach oben springen

#2

RE: Nach einer Fehlgeburt: Umgang mit Reaktionen von Freunden/Familie

in Eure Geschichte 08.09.2020 13:50
von Susanne • 4.613 Beiträge | 4631 Punkte

Hallo Kristin, mein Mitgefühl für Deinen Verlust und schön, dass Du hierher gefunden hast. In Deiner Schilderung über die Erfahrungen, die Du mit Deinen Mitmenschen gemacht hast, werden sich sicher einige wiederfinden. Denn die meisten werden auch erlebt haben, dass es die oder andere weniger einfühlsame oder echt derbe Umgangsweise gibt. Auch ich habe die unterschiedliches erlebt von lieb und aufmerksam bis hin zu gar keine Anteilnahme von der Schwester und dem Vater. Daran hatte ich persönlich lange zu knabbern, aber ich entschuldige es heute mit eben einer nicht gegebenen Gabe der Empathie und der Hilflosigkeit im Umgang mit unangenehmen, unbequemen Themen. Meine erste Reaktion war dann, dass ich mich zurückgezogen und den Kontakt gemieden habe bis ich wieder stabil genug war um damit irgendwie umgehen zu können. Eines möchte ich Dir aber sagen: Du DARFST trauern und hast das Recht dazu. Lass es Dir nicht klein und unwichtig reden, wenn es sich für Dich anders anfühlt. Fühl Dich gedrückt, Susanne

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#3

RE: Nach einer Fehlgeburt: Umgang mit Reaktionen von Freunden/Familie

in Eure Geschichte 08.09.2020 14:15
von Kristin • 5 Beiträge | 5 Punkte

Liebe Susanne,
vielen Dank für deine schnelle Antwort und deine lieben Worte. Auch mir tut es leid, dass du dein Baby verloren hast, wirklich.
Ich finde es schon allein so schwierig und verwirrend genug — und umso mehr, wenn für mich wichtige Menschen dann so seltsam reagieren.
Dein Rat zu etwas Abstand klingt gut, das kann man sicher behutsam machen und sich etwas Zeit nehmen.
Ganz liebe Grüße und alles Gute,
Kristin

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#4

RE: Nach einer Fehlgeburt: Umgang mit Reaktionen von Freunden/Familie

in Eure Geschichte 08.09.2020 14:22
von Caro291 • 39 Beiträge | 39 Punkte

Hallo Kristin!
Ich habe vor genau 5 Wochen die 'Diagnose' (Missed Abortion, 7. SSW) bekommen, vor ca. zwei Wochen war dann die Blutung. Bei mir ist also alles auch noch recht frisch und was du schreibst - es geht bergauf, und trotzdem überkommt dich ab und zu eine Welle der Traurigkeit - kann ich so sehr nachvollziehen. Als die Blutungen anfingen, war ich mental total bereit dafür, das Ganze jetzt loslassen, hatte die Fehlgeburt (so gut wie es in so einer Situation halt geht) akzeptiert und fühlte mich recht bald danach wieder 'normal' und hatte das Gefühl, es geht nach dem Schock und der großen Trauer bergauf. Bis mich ungefähr eine Woche nach der Blutung ein so großes Loch und immer wieder große Wellen von Traurigkeit eingeholt haben. Meine Hausärztin meinte, da wären neben dem eigentlichen Erlebnis auch einfach viele Hormone im Spiel. Hormonell gesehen, befindet sich der Körper gerade im tiefsten Winter - aber daraufhin würde auch bald wieder der Frühling kommen. Mir tat das total gut zu hören, denn ich war jedes Mal völlig überrascht, wenn ich quasi aus dem Nichts urplötzlich todtraurig war und nur noch heulen konnte.
Aber zu deinem eigentlichen Thema mit der Reaktion deiner Freundin: Ich finde ihre Reaktion unfassbar unsensibel. Gefühle haben immer ihre Berechtigung. Und wie du dich fühlst, wie sehr und wie lange du traurig bist, darfst ganz allein du entscheiden. Jedes Gefühl und jede Art von Trauer, ganz gleich aus welchem Grund, ist einfach so individuell. Und jedes Fehlgeburtserlebnis ist so individuell. Deine Trauer und Traurigkeit wird ja nicht weniger, wenn du weißt, dass das vielen Frauen passiert. Es hilft sicher, zu wissen (und vielleicht auch mit Versagensängsten besser zurecht zu kommen), dass man nicht die Einzige ist. Aber die Trauer bleibt. Und das ist auch wichtig. Jedes Gefühl hat da seinen Platz und dem einen Raum zu geben, denke ich, ist einfach auch so unglaublich wichtig für die Verarbeitung. Denn das Ganze macht was mit dir. Da hängen Emotionen, Gedanken, Lebensentwürfe dran. Und ganz gleich, ob deine Freundin das nachvollziehen kann, sollte sie doch zumindest ein offenes Ohr für dich haben. Menschen, die einem nahe stehen, wünscht man, dass es ihnen gut geht. Und wenn das offensichtlich nicht der Fall ist, dann würde ich gerade in einer Freundschaft erwarten, dass dort der Raum für Empathie und Unterstützung ist. Dafür braucht es ja nicht einmal viel - ein offenes Ohr und hin und wieder die Frage, wie es dir geht. Sehr viel mehr kann ohnehin gerade niemand machen, doch allein das kann einfach schon so wertvoll sein.
Ich habe zum Glück keine derart negativen Reaktionen bekommen, war aber überrascht, wie wenig und wie kurz es die Menschen um mich herum anscheinend interessiert. Die Frage danach, wie es mir oder uns mit bzw. nach der Fehlgeburt geht, kam extrem selten. Was mich vor allem bei einigen Familienmitgliedern (mit Kindern) und Freundinnen überrascht hat, die zudem wissen, dass das Thema Kinderwunsch bei uns sehr aktuell ist und wir es bereits seit einiger Zeit probieren.
Ich denke, es ist oft Unbeholfenheit. Wir haben gesellschaftlich einfach keine Übung darin, darüber zu sprechen. Und ich glaube, es ist für Außenstehende wirklich extrem schwer nachzuempfinden. Vor allem, wenn das Thema Kinder und Kinderwunsch, wie bei deiner Freundin, einfach überhaupt keine Rolle spielt. Ich hatte mir vorgenommen, das bei den Menschen, bei denen mich die (Nicht-)Reaktion so überrascht und auch irgendwie enttäuscht hat, anzusprechen. Denn ich glaube nicht, dass es Desinteresse oder böse Absicht ist, sondern vermutlich Unsicherheit. Und es wäre ja schön, wenn wir alle miteinander lernen würden, über solche Erlebnisse zu sprechen. Auch, falls es weitere Frauen in deren Umfeld gibt, die eine Fehlgeburt durchmachen müssen, wäre es ja schön, sie könnten dann etwas sensibler reagieren. Bis jetzt ist es mir leider noch nicht gelungen, das anzusprechen. Irgendwie ist dann doch die Angst da, dass es diejenigen wirklich nicht interessiert und ich (aus ihrer Perspektive) ein größeres Fass aus der ganzen Geschichte mache. Aber ich denke, dass es eigentlich gut wäre. Und vielleicht wär ja das für dich auch eine Möglichkeit, deine Freundin darauf anzusprechen, wie wenig hilfreich ihre Reaktion im Moment ist und dass du davon verletzt bist. In einer engen Freundschaft sollte man sich sowas im besten Fall sagen können und ihr könnt sicher daran wachsen bzw. kann sie im besten Fall daraus etwas lernen. Sie würde sich doch ebenfalls Unterstützung und Mitgefühl von dir wünschen; auch wenn es eine Situation wäre, die du vielleicht selbst gar nicht erlebt hast. Es wär schade, wenn du verletzt und enttäuscht bist und sich das nie auflöst und eure Freundschaft langfristig belastet.
Ich wünsche dir viel Kraft für die nächste Zeit und viel Raum, Traurigkeit und Trauer zulassen zu können!
Liebe Grüße, Caro

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#5

RE: Nach einer Fehlgeburt: Umgang mit Reaktionen von Freunden/Familie

in Eure Geschichte 08.09.2020 14:41
von Bine • 908 Beiträge | 916 Punkte

Liebe Kristin,
es ist schlimm, diese Erfahrung machen zu müssen - damit meine ich, die Erfahrung wie die Menschen in der eigenen Umgebung mit dem Thema FG umgehen. Ich habe daraus gelernt, dass diese Menschen, die nicht so gut damit umgehen können oder so hart zu mir waren, erst einmal keine Beachtung mehr zu schenken. Das heißt nicht, dass die Freundschaft zu deiner Freundin kaputt geht. Nur in diesem Punkt, kann sie nicht für dich da sein, da sie nicht mitfühlen kann und eine andere Sichtweise als du hast. Ich würde es ihr aber in einer kurzen Nachricht oder auch Gespräch mitteilen, damit sie damit auch dementsprechend umgehen kann. Sag ihr, dass dich ihre Reaktion verletzt hat und du aber auch verstehen kannst, dass nicht jeder so denkt. Das du nun erst einmal auf Abstand gehen möchtest, da du eben nicht in 2 Wochen fertig getrauert hast und nicht weißt wie lange es dauern kann. Das weiß keiner von uns. Du brauchst jetzt liebe Menschen um dich rum. Und wenn es nur eine gibt, dann ist es so. Aber so etwas brauchst du nicht. Eine FG muss man für sich richtig verarbeiten. Ich hoffe, du verstehst, was ich dir damit sagen möchte. Nehme dir Zeit für dich!

LG Bine

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#6

RE: Nach einer Fehlgeburt: Umgang mit Reaktionen von Freunden/Familie

in Eure Geschichte 08.09.2020 15:03
von Kristin • 5 Beiträge | 5 Punkte

Liebe Caro,
hab vielen Dank für deine Antwort. Es tut mir so leid, dass du auch eine Fehlgeburt hattest – und dann diese sterile "Diagnose". Medizinisch mag das ja sein, aber das Gefühl ist total anders. Du hast recht: Dass der Frühling wieder kommt, ist ein wunderbares Bild.
Ich drück dich, alles Gute!
Kristin

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#7

RE: Nach einer Fehlgeburt: Umgang mit Reaktionen von Freunden/Familie

in Eure Geschichte 08.09.2020 15:08
von Kristin • 5 Beiträge | 5 Punkte

Liebe Bine,
ich danke dir, das ist wirklich ein guter Rat: Abstand und erstmal alleine trauern und zurechtkommen (dieses ständige Erklären ist wie gesagt so anstrengend).
Gestern Abend habe ich ihre gegenüber genau das auch angesprochen und habe gesagt, dass ich auch keine bestimmten Erwartungen hattee, aber nur wissen wollte, dass sie "auf meiner Seite" ist. Da brach es auch ihr heraus: Sie habe auch Gefühle, sie möchte nicht immer die emotionale Erste Hilfe für mich sein, ich dramatisiere etc. Also im Prinzip habe ICH mich dann am Ende entschuldigt, dass ich sie zu oft in Anspruch genommen habe. Vielleicht muss ich hier leider wirklich sagen: Agree to disagree, denn sie kann (!) es nicht verstehen und ich will (!) mich nicht rechtfertigen. Aber es ist schwierig, da so drüber hinwegzusehen. Vielleicht sind zwei völlig verschiedene Dinge zusammengekommen und meine FG war gewissermaßen schlechtes Timing.
Auf jeden Fall, liebe Bine, danke! :-)
Alles Liebe, Kristin

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#8

RE: Nach einer Fehlgeburt: Umgang mit Reaktionen von Freunden/Familie

in Eure Geschichte 13.09.2020 13:59
von Tali • 61 Beiträge | 62 Punkte

Es tut mir auch sehr Leid von deinem Verlust und der Reaktion deiner Freundin zu hören. Meinen Vorrednerinnen kann ich mich nur anschließen - aber zu der Aussage „Das passiert ja vielen Frauen“ (die ich persönlich nicht mehr hören kann) kann ich nur folgendes erwidern: Es bekommen auch viele Menschen Krebs. Hilft es auch nur einem von ihnen, wenn man ihnen sagt: du bist ja nicht alleine damit? Nein!
Wieso dieses Argument in diesem Fall für uns was bringen soll verstehe ich nicht, weil es uns genauso wenig hilft...

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#9

RE: Nach einer Fehlgeburt: Umgang mit Reaktionen von Freunden/Familie

in Eure Geschichte 13.09.2020 16:08
von Kristin • 5 Beiträge | 5 Punkte

Danke, liebe Tali, für deine Antwort — das ist auch genau mein Gedanke!
Inzwischen konnten wir das Problem gut klären, aber ich bin trotzdem noch im Nachhinein verblüfft, wie „resistent“ auch noch so sensible Menschen sein können, wenn es um das Thema Fehlgeburt geht.
Ich hoffe, dir geht es gut 😊 Viele liebe Grüße und nochmal danke,
Kristin

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