#1

Unser Drops

in Eure Geschichte 05.02.2020 18:33
von anne1t • 14 Beiträge | 14 Punkte

Im November 2019 wurde ich schwanger…
8 Jahre zuvor war mir von meiner damaligen FÄ gesagt worden, dass dies bei mir nicht einfach bzw. wahrscheinlich unmöglich sei. Lange Jahre versuchten mein Mann und ich also gar nicht erst schwanger zu werden, um uns nicht damit auseinandersetzen zu müssen, falls es nicht klappt.
Wir waren glücklich zu zweit und im Laufe der folgenden Jahre besprachen wir dieses Thema dennoch regelmäßig, damit niemandes Bedürfnisse übergangen werden.
Ende 2018 fasste ich mir dann ein Herz und sagte meinem Mann, dass ich bereit sei, es zu versuchen. Einige Monate später war auch er bereit. Aus planungstechnischen Gründen verschoben wir den Startzeitpunkt des "aktiven Versuchens" jedoch noch. Im Juni hatten wir unseren 10. Hochzeitstag, den wir mit einer riesigen Gartenparty feiern wollten. Und danach musste ich ja noch aufhören zu rauchen, was aufgrund einiger Fehlversuche noch etwas dauerte.
Nun ja, im Oktober waren wir dann endgültig soweit und wollten es auch nicht mehr aufschieben. Und schon im 2. Zyklus wurde ich schwanger…

Nach dem am 4. NMT durchgeführten Test rief ich meinen FA an um einen Termin für 7+1 zu machen. Man bat mich allerdings schon zu 6+1 zum Termin.
Der Ultraschall zeigte natürlich noch nicht viel, wir dachten uns nichts dabei. Der Arzt sprach kurz an, dass die Fruchthöhle nicht so rund sei, wie er sich das wünschen würde, aber das gäbe sich sicherlich noch.
Da Weihnachten vor der Tür stand – inklusive vieler Familienfeiern und Sektempfänge – beschlossen wir, am 22.12. meinen Eltern die gute Nachricht zu überbringen, bevor am 23.12. die Familie meines Mannes informiert werden sollte. Natürlich wäre dies vor der 12. Woche. Aber wir waren uns einig, dass wir die Menschen, die wir im Falle einer nicht erfolgreichen Schwangerschaft informieren würden, auch schon jetzt informieren wollten.

Nun, am 21.12. und 22.12. hatte ich dann leichte Blutungen. Sehr leicht, aber hellrot… Da mein FA Urlaub hatte, riefen wir die Vertretung an, die wiederum ebenfalls vertreten wurde… In dieser Praxis schlugen wir dann am 23.12. morgens auf, wurden jedoch direkt ans Krankenhaus verwiesen. Über die Notaufnahme ging es auf die Station für Frauenheilkunde. Dort wurde ein US gemacht.
Ergebnis:
Hmmm… Kleiner als es sein sollte, nur Fruchthöhle zu sehen, kein Fetus, aber vielleicht wird's ja doch noch was... Sicherheitshalber Hormone nehmen, um die Schwangerschaft aufrecht zu erhalten. Nächster regulärer Termin in 2 Wochen. Bis dahin: schonen.
Vom Krankenhaus fuhren wir direkt zu meinen Eltern, jetzt leider nicht mehr mit der Jippieh-Nachricht, aber dennoch mit dem Bedürfnis, es mitzuteilen. Immerhin besser am 23.12. als bei der Weihnachtsbescherung… Anschließend weiter zu den Schwiegereltern und dann nach Hause um schnell alles für den Besuch der Schwägerin in einer Stunde vorzubereiten. Es war zu viel für den Tag… Es folgte ein "Stellvertreterstreit" mit meinem Mann über seine Schwester, notwendige oder nicht notwendige Reinigungsarbeiten und einzuhaltende Schonung, der damit endete, dass ich heulend und schreiend auf dem Badezimmerboden lag...
Der nächste Tag zeigte auch, dass das mit dem Schonen ernst gemeint war: nach einer Stunde in der Küche hatte ich erneut Blutungen, sodass mein Mann mich für die nächsten 2 Wochen aufs Sofa verwies.

Es folgten 2 Wochen, in denen kurze Momente der Hoffnung mit gefühlt realistischeren Momenten der Vorbereitung auf den Abschied und auch des Sich-damit-Abfindens wechselten. Am Wochenende vor der nächsten Untersuchung setzten mein Mann und ich uns also zusammen und erstellten Frage-Listen für den Arzttermin am 6.1. (Ende 10. SSW): eine Liste, mit einem großen + darauf, eine mit einem -.

Der Ultraschall zeigte nur Rauschen. „Keine angemessene Fruchtblase“, „kein Leben“, „einige Blutungsherde“. Der Arzt zeigte uns am Ultraschall, wie groß die Fruchtblase zu diesem Zeitpunkt sein müsste, wie groß sie theoretisch schon vor einer und zwei Wochen hätte sein müssen, ebenso bzgl. der Größe unseres Dropses. So wurde uns auch sehr deutlich, dass ein "Übersehen" unmöglich wäre…
Am nächsten Tag folgte die Absaugung/Vakuumaspiration, eine natürliche Abblutung war ja auch in den Wochen zuvor ausgeblieben, sodass der FA auch auf Nachfrage meines Mannes sagte, dies sei die einzige Möglichkeit. Ich selbst fühlte mich wie in einer Blase. Alles um mich herum hatte etwas Unwirkliches.

„Alles gut verlaufen“… Nach der OP hatte ich sogar ein schlechtes Gewissen, weil es mir so gut ging… In den folgenden Stunden und am nächsten Tag fühlte ich mich ähnlich leer und emotionslos wie schon in den 2 vorigen Wochen, dann wieder traurig, weinend, dann neutral, die ganze Sache mit Abstand betrachtend, dann optimistisch bzgl. eines nächsten Versuchs, gereizt, wütend und wieder von vorn…
Für den Rest der Woche hatte ich mich krankschreiben lassen, obwohl mein FA dies für (medizinisch) unnötig hielt.

In den darauffolgenden zwei Wochen arbeitete ich wieder. Zwar leider nicht so stressresistent wie sonst, aber es ging bis auf einzelne Tage. Aushaltbar.
Am vorletzten Wochenende, knapp 3 Wochen nach der Fehlgeburt, dann der Zusammenbruch. Am Montag nochmal Arbeit, am Dienstag ebenfalls, aber noch vor Ende der Arbeitszeit habe ich kapituliert...
Seitdem sitze ich apathisch bis heulend zu Hause, Donnerstag war ich beim Hausarzt, der mich eine weitere Woche krankgeschrieben und mir eine „Scheißegal-Spritze“ gegeben hat, nachdem ich in der Praxis den Komplettzusammenbruch hatte. Glücklicherweise hatte ich einen Notizzettel für das Gespräch vorbereitet, sodass der Arzt mir helfen konnte, obwohl ich kein Wort rausbrachte… Er hat dann auch verschiedene Blutuntersuchungen angeordnet sowie einen Termin bei der Endokrinologie für mich gemacht.

Mein Mann ist eine große Stütze und bemüht sich, mir alles zu geben, was ich brauche. Unser neuester „Deal“: Ich habe ihm gesagt, dass ich auch jemanden brauche, der zuversichtlich ist, dass ich es schaffe, einen Tschakka –Menschen; oder – wie mein Mann sagt – er ist bereit, mein Bob, der Baumeister zu sein… 
Am Wochenende war ich jetzt ein paar Tage mit meinem Mann „raus“, mir ging es so lala bis etwas besser, allerdings graut es mir vor der nächsten Woche und davor, wieder arbeiten zu müssen…
Wie und wann komme ich da wieder raus???

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#2

RE: Unser Drops

in Eure Geschichte 05.02.2020 19:05
von Jenny • 350 Beiträge | 350 Punkte

Hallo Anne. Tut mir wirklich sehr leid das zu lesen. Ich glaube dir, dass das ganz schrecklich für dich ist. Manchmal denkt man tatsächlich, dass man es ganz gut wegsteckt und dann holt einen doch wieder alles ein. Ich habe mich durch viel Lesen beruhigt,... Lesen über andere Schicksale. Und ich habe alles einmal genau aufgeschrieben, das hat mir glaube ich geholfen, es zu verarbeiten.
In meinem Umfeld hatte ich kaum jemanden zum reden.
Wie es klingt, würde ich mir vermutlich professionelle Hilfe holen, aber das musst du selbst wissen. Mich hat zb auch die Arbeit abgelenkt, da ist jeder offenbar total unterschiedlich.
Ich wünsche dir viel Kraft ❤️🍀

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#3

RE: Unser Drops

in Eure Geschichte 05.02.2020 21:21
von Katharina • 21 Beiträge | 21 Punkte

Hallo Anne,

Es tut mir sehr leid das alles zu lesen. Es erinnert mich sehr an meine eigene Geschichte. Auch ich habe am 21./22.12. in der 8. Woche Blutungen bekommen, allerdings sagte mir der Arzt da dann schon, dass er kein Herzschlag mehr sieht. Auch die Ausschabung blieb mir erspart, da es über Weihnachten von alleine abging.
Ich war allerdings ganze 4 Wochen daheim und das war das einzig richtige. 2 Wochen Schulferien und 2 Wochen Krankenschein. Meine FA hätte mich auch länger krankgeschrieben. Es ist am Ende ganz egal wie lange, weil es wichtig ist, dass es für dich richtig ist!
Deine Gefühlslage kann ich nur allzu gut verstehen. Ein Wechsel zwischen „das ist ganz natürlich, beim nächsten mal klappt’s, ich will’s sofort nochmal versuchen“ bis zu „ich werde nie Kinder bekommen, ich wäre jetzt schon in der 13 Woche,...“. An manchen Tagen ist es besser, an anderen ganz schlimm.

Trotzdem glaube ich fest daran, dass es irgendwann auch für uns besser wird, denn auf den Sturm folgt auch ein Regenbogen!

Fühl dich gedrückt!

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#4

RE: Unser Drops

in Eure Geschichte 05.02.2020 21:42
von Susanne • 4.668 Beiträge | 4686 Punkte

Liebe Anne, herzlich Willkommen, auch wenn Du wahrscheinlich lieber nicht hier wärst. Diese Gefühlsachterbahn mit der ganzen Bandbreite der negativen Emotionen kenne ich auch gut. Da war so alles von der "dunklen Seite" mit dabei. Ähnlich wie bei einer Depression saß ich in einem Loch und sah kein Licht am Ende des Horizonts. Ich war wütend, verzweifelt, traurig, aggressiv,... Bei mir war es so, dass es mit Beginn der aktiven Hibbelphase besser wurde, weil ich mir Gott sei Dank die Hoffnung bewahren konnte, dass am Ende eine glückliche Schwangerschaft steht. Ich wünsche Dir, dass auch Du wieder Halt und Zuversicht gewinnst. Wir helfen Dir gerne dabei und machen "Können wir das schaffen?"-"Yo, wir schaffen das!!" Im Hibbelthread sind einige liebe Mädels, die sich motivieren und füreinander da sind.
Alles Liebe Susanne


zuletzt bearbeitet 05.02.2020 21:47 | nach oben springen

#5

RE: Unser Drops

in Eure Geschichte 06.02.2020 07:27
von Nora • 461 Beiträge | 467 Punkte

Liebe Anne,

mir tut es total Leid, was dir passiert ist. Das ist furchtbar, was man da teilweise als Frau so mitmachen muss. Mir hat damals meine Frauenärztin mit 23 gesagt, dass ich mir nicht zulange Zeit lassen soll mit Kindern. Damals bin ich total erschrocken und dachte mit mir ist irgendwas, aber der Zeitpunkt wär einfach noch viel zu früh gewesen für Kinder. Naja,
was war, wurde nach der 2. Fehlgeburt komplett durchgecheckt und soweit alles in Ordnung. Habe kleine Zysten an den Eierstöcken, deswegen sagen die Ärzte schnell ich habe PCOS, aber der Hormonstatus und Zyklusverlauf spricht da nicht dafür. Teilweise wird man bei den Frauenärzten nicht so genau unter die Lupe genommen und die sind etwas vorschnell mit der Diagnose.

Kenne den Kummer sehr gut, habe schon zwei Mal durchmachen müssen und mir sagte meine Gyn, dass das zum Kinder kriegen leider dazu gehört und leider Gottes normal ist. Was sicher nicht verkehrt ist, mal die häufigsten Sachen abklären zu lassen:

- Schilddrüse
- Folsäuregehalt
- Vitamin D
- Blutgerinnung
- Gelbkörperschwäche

Die ersten drei Sachen kann sogar dein Hausarzt schon machen, die letzten beiden der Gyn.

Liebe Grüße und viel Kraft! 🍀

zuletzt bearbeitet 06.02.2020 07:31 | nach oben springen

#6

RE: Unser Drops

in Eure Geschichte 07.02.2020 15:28
von anne1t • 14 Beiträge | 14 Punkte

Vielen Dank für eure Antworten und für euren Zuspruch. Das hat mir enorm gut getan, weit mehr als ich gehofft hatte…
Momentan denke ich, dass ich wieder arbeiten möchte, kann aber nicht garantieren, dass ich wirklich zuverlässig funktionieren kann… Und sich einfach mal 10 Minuten zurückziehen geht halt in meinem Beruf (Lehrerin) nicht.

Jenny:
Ich hatte bereits kurz nach der Fehlgeburt begonnen, den Text zu schreiben – jedoch ohne großen, spürbaren Effekt auf meine Gemütslage. Ihn zu posten hat mich jedoch gefühlt wesentlich weitergebracht…

Katharina:
Ja, an dem Punkt zwischen Hoffnung und Verzweiflung bin ich jetzt auch angekommen. Ich werde jetzt versuchen, mir genau das als Ziel vorzunehmen: Die „normalen“, hoffnungsvollen Momente wahrzunehmen und zu würdigen.

Susanne:
Vielen Dank für deinen Zuspruch, für die Aussicht auf Licht und für alles, was du allen hier anwesenden Frauen mit diesem Forum gibst! Retterin!!

Nora:
Ich bin inzwischen auch erschrocken, wie freigiebig teils niederschmetternde Verdachtsdiagnosen von vielen Fachärzten geäußert werden… Mir wurden bereits 2 unheilbare und nur bedingt behandelbare Krankheiten „unterstellt“, wobei eine Diagnose (MS) erst nach ca. 12 Jahren aufgehoben wurde.

Alles in allem scheint bei mir ein erster Knoten geplatzt zu sein… Ich finde langsam wieder Worte und auch Wut, Tatendrang und ein Fünkchen Kreativität…

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#7

RE: Unser Drops

in Eure Geschichte 07.02.2020 17:03
von Susanne • 4.668 Beiträge | 4686 Punkte

Danke Anne, ich freue mich immer sehr, wenn das Forum seinen Zweck erfüllt 😊 die Mitglieder sind auch wirklich alle ganz toll
und so eine nette Gemeinschaft !


zuletzt bearbeitet 07.02.2020 20:40 | nach oben springen

#8

RE: Unser Drops

in Eure Geschichte 07.02.2020 19:59
von Anja • 82 Beiträge | 82 Punkte

Eine sehr berührende Geschichte Anne und von mir auch mein aufrichtiges Beileid zu deinem Verlust. Vieles wurde schon gesagt. Ich wünsche Dir Kraft und das du dir erlaubst, dir das zu nehmen, dir das zu geben was du brauchst.

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