#1

Sternenschau - Slamtext für mich, für euch

in Für mein Sternchen, das in jeder Sekunde fehlt 07.03.2023 00:05
von Jenny☆ • 252 Beiträge | 255 Punkte

Wie die Jahre vergehen:
Aus eins wurden drei
und aus „Das ist doch normal“
ein „Der Traum ist vorbei.“

Wenn alles bricht,
hat sie so gern Oscar Wilde zitiert,
hat gesagt, dass am Schluss alles gut werden wird
und wenn es jetzt noch nicht gut ist,
ist offenbar kein Ende in Sicht.

Aber manchmal brauchen Träume so viel Kraft,
manchmal klingt ihr Wort in meinen Ohren nach.
Manchmal ist Fairness nicht der Freund,
den du dir seit der Kindheit träumst.
Manchmal frisst der Neid so unerbittlich,
dass er für die Wirklichkeit die Sicht nimmt,
manchmal weiß ich das Schicksal gegen mich
und bin für jeden Hoffnungsschimmer blind.
Manchmal, nein, viel zu oft
bricht der Schmerz
flutwellenartig über mich herein,
wenn ich mich nicht gewappnet habe.

Wenn sie vorbeiläuft mit dem Kinderwagen.
Wenn er den Säugling auf dem Arm hat.
Wenn der einen ständig übel ist
und der anderen fast der Bauch platzt.
Wenn sie so unbeschwert erzählt,
dass sie jetzt ins Beschäftigungsverbot geht.
Wenn sie Zwillinge erwartet
und die Namen schon parat hat.
Wenn sie am Nebentisch bejubeln:
„Unser Jan wird endlich Vater!“
Wenn es bei allen anderen klappt.

Denn es trägt sich schwer,
wie leicht du stirbst,
ein Herzschlag flügelzart fragil,
in mir nun leer,
wo wir verbunden waren
in einem Bruchteil von den Jahren,
die zu haben ich geplant hab.

Ich gäb ein Königreich, um dich kennenzulernen,
sie nennen dich Zellhaufen, ich nenne dich Stern.
Zwei Wochen blutest du aus mir heraus,
aber in meinem Herzen trage ich dich aus.

Und so geht es vielen Frauen,
die sich Kinder wünschen,
weil nun mal 30 Prozent aller Schwangerschaften
nicht mit Lebendgeburten enden,
weil es dazuzugehören scheint
- eine Laune der Natur,
doch für die Frauen ein Alptraum,
das Ende des Zaubers,
was bleibt, ist nur die blutige Spur
vom Leben in der Unterwäsche,
die Monat für Monat über solche Träume lächelt.

Und sie zucken mit den Achseln.
Weitermachen wär erwachsen
und ich sei doch noch so jung
und ich wurde ja schnell schwanger.

Doch kein Wort reicht dorthin, wo die Angst war,
die mich auffraß, die gestreut hat
metastasiert im Hirn und ausstrahlt
in so viele Bereiche dieses bunten lauten Lebens.

Irgendwie muss es ja weitergehen,
also einfach wieder Anlauf nehmen,
was einmal klappt, klappt wieder,
die Wiederholungsgefahr sinkt,
doch was am Schluss schreit,
ist nur die Panik, neu geboren,
ob diese Schwangerschaft gelingt.

Denn es trägt sich schwer,
wie leicht du stirbst,
ein Herzschlag flügelzart fragil,
in mir nun leer,
wo wir verbunden waren
in einem Bruchteil von den Jahren,
die zu haben doch geplant war.

Und ja, du gehst wieder verloren,
kleine Seele bleibt verborgen
vor dem Morgenlicht,
Boden bricht
und ich hör durch weiße Masken
„Tut mir leid“.
Das, was sie mir jetzt empfehlen,
ist der Gang zur Kürettage ,
Ruhe für die nächsten Tage
und für die Ursachensuche
eine große Portion Hartnäckigkeit.

Stundenlanges Warten neben dem Kreißsaal,
die Hand auf dem Bauch, in dem noch mein Kind war,
in dem doch bis gestern das Herzchen noch schlug.
Jetzt wohnt Trauer darin,
Trauer, Sehnsucht und Wut.

Ich gäb ein Königreich, um dich kennenzulernen,
sie nennen dich Zellhaufen, ich nenne dich Stern.
Sie schaben die Reste aus meinem Bauch,
aber in meinem Herzen trage ich dich aus.

Alles in mir laut
wie in den anderen Frauen,
die einen Teil von sich verloren haben,
häng ausgekotzt und überfahren
ohnmächtig im Straßengraben.
Ein leerer Bauch,
ein Kopf voll Fragen,
Übelkeit beherrscht den Magen
und die Angst hat einen Lauf.

So vergeht allmählich die Zeit
zwischen Blutabnahmen und Ehestreit,
zwischen Tränen und übereifrigem Mut,
zwischen Sex nach Plan und Fass mich um Himmels Willen nicht an.
Nackte Angst im zerrissenen Gewand
des Aktionismus.
Alles, nur kein Stillstand.
Hamsterrad der Sehnsucht.

Aller guten Dinge sind drei
ist nur ein Synonym von Vollkommenheit,
eine Märchenzahl – du hast drei Wünsche frei,
aber schon dieser eine würde reichen.

Doch das Schicksal spielt die Karten
ein weiteres Mal ohne Erbarmen,
Glaube, Liebe, Hoffnung dieser Tage
nur seelenlose Bibelzitate
statt göttlicher Dreifaltigkeit.

Denn es trägt sich schwer,
wie leicht du stirbst,
ein Herzschlag flügelzart fragil,
in mir nun leer,
wo wir verbunden waren
in einem Bruchteil von den Jahren,
die zu haben doch jetzt dran war.

In neun Monaten, wenn andere ein Kind gebären,
reisten meine drei auf ihren Stern.
Ich sah etliche Krankenhäuser von innen,
sprach mit Kinderwunschkliniken,
ließ mir die Arme blau stechen
und Sterne an den Hals,
übte, den Eisprung zu berechnen
und fühlte mich falsch.

Ich hasste diesen Körper, der kein Kind beschützen kann,
hasste diese Ohnmacht, der ich nicht entfliehen kann,
wollte die Kontrolle, die mir niemand geben kann,
vermisse diese Seelen – lebenslang.

Wenn alles bricht,
hat sie so gern Oscar Wilde zitiert,
hat gesagt, dass am Schluss alles gut werden wird
und wenn es jetzt noch nicht gut ist,
muss ich noch warten, bis sie dich zu mir schickt.

Ich hab ein Königreich, wenn wir uns kennenlernen.
Du wirst meine ganze Welt sein, mein Augenstern.
Ich sammele Liebe in meinem Bauch
und wenn die Zeit reif ist, trage ich dich aus.


I hope that I see the world as you did
cause I know:
A life with love is a life that's been lived
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#2

RE: Sternenschau - Slamtext für mich, für euch

in Für mein Sternchen, das in jeder Sekunde fehlt 07.03.2023 00:26
von Gänseblümlein • 618 Beiträge | 618 Punkte

Wow toller Text! So wahr…

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#3

RE: Sternenschau - Slamtext für mich, für euch

in Für mein Sternchen, das in jeder Sekunde fehlt 07.03.2023 08:58
von Vanessa • 1.008 Beiträge | 1008 Punkte

Richtig toller Text, es steckt die ganze Wahrheit und der ganze Schmerz darin...

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#4

RE: Sternenschau - Slamtext für mich, für euch

in Für mein Sternchen, das in jeder Sekunde fehlt 07.03.2023 09:19
von Bine • 929 Beiträge | 937 Punkte

Tränen in den Augen. So ein toller Text. Was für ein Talent

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#5

RE: Sternenschau - Slamtext für mich, für euch

in Für mein Sternchen, das in jeder Sekunde fehlt 07.03.2023 11:00
von Jenny☆ • 252 Beiträge | 255 Punkte

Danke euch!
Irgendwie hat der jetzt so lange brach gelegen in meinem Kopf & gestern konnte ich ihn endlich fertig stellen.

Mir fehlt noch ein Text für die niedersächsisch-bremischen Landesmeisterschaften im Poetry Slam & da ich nix Neues geschrieben habe, wird es wahrscheinlich dieser Text werden. Schon heftig, mit etwas so Persönlichem auf die Bühne zu gehen. Gestern konnte ich ihn nicht mal meiner Frau vorlesen, ohne dass die Stimme brach & ich weinen musste.
Aber ich finde ihn wichtig - und ziemlich gut.


I hope that I see the world as you did
cause I know:
A life with love is a life that's been lived
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#6

RE: Sternenschau - Slamtext für mich, für euch

in Für mein Sternchen, das in jeder Sekunde fehlt 07.03.2023 12:58
von Susanne • 4.668 Beiträge | 4686 Punkte

Wow! Danke, dass Du das mit uns teilst

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#7

RE: Sternenschau - Slamtext für mich, für euch

in Für mein Sternchen, das in jeder Sekunde fehlt 07.03.2023 21:27
von Dany • 586 Beiträge | 586 Punkte

Danke Jenny für deinen Text. Er ist mutig und wichtig und berührt mich sehr.
(Nicht nur, weil ich gerade mitten in der 3. MA bin)

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#8

RE: Sternenschau - Slamtext für mich, für euch

in Für mein Sternchen, das in jeder Sekunde fehlt 07.03.2023 23:10
von Jenny☆ • 252 Beiträge | 255 Punkte

Oh nein. Dany. Ich nehm dich in den Arm.


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#9

RE: Sternenschau - Slamtext für mich, für euch

in Für mein Sternchen, das in jeder Sekunde fehlt 08.03.2023 12:17
von Katrin • 446 Beiträge | 446 Punkte

Ja, heftig, mit so einem Text auf die Bühne zu gehen. Aber so mutig und so wichtig!
Du hast wirklich Talent! Wie gut du den Schmerz und die Hoffnung ausdrücken kannst!

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#10

RE: Sternenschau - Slamtext für mich, für euch

in Für mein Sternchen, das in jeder Sekunde fehlt 30.08.2023 11:31
von Epiphanie • 768 Beiträge | 770 Punkte

Liebe Jenny, gestern Abend lag ich im Bett und fragte mich, ob es bei dir eigentlich Neuigkeiten gibt. So habe ich im Forum nachgeschaut und bin auf dein Gedicht gestoßen. Ich habe Tränen in den Augen, so sehr berührt er mich. Ich müsste ihn noch einmal in Ruhe lesen, aber so viele Verse, die so gut meine Gefühle in den Fehlgeburten beschreiben ... Vielen Dank, dass du dieses Gedicht geschrieben hast und vielen Dank, dass du es mit uns teilst!

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